Aktuelle Analysen

 Aktuelle Analyse Nr. 47

"Comeback der Planwirtschaft"
Der Plan zur Reform der Hamburger Hochschulen

von Michael Gwosdz und Frank Leptien (04.02.2003)

[zur Druckversion]

[Artikel zur Analyse in der Hamburger Morgenpost]

Mit großer Anspannung warteten die Angehörigen der Hamburger Hochschulen in den letzten Wochen auf den Bericht zur Reform der Hamburger Hochschulen, den eine zwölfköpfige Kommission unter Vorsitz des ehemaligen Bürgermeisters Klaus von Dohnanyi im Auftrag von Bildungssenator Dräger erarbeiten sollte. Die Veröffentlichung des Berichtes am vergangenen Donnerstag führte zur Umwandlung dieser Anspannung in vielfältigste Emotionen - von Freude über einen Befreiungsschlag in einer schier endlos währenden Debatte bis hin zu blankem Entsetzen über die enorme Tragweite des Berichtes (Download des Berichtes hier, 700kb PDF-file)

Einigkeit in den Zielen

Dabei bietet der Kommissionsbericht zunächst eine offene Situationsanalyse, die bei allen Angehörigen und Beobachtern der Hamburger Hochschulen letztlich auf Zustimmung treffen sollte. Die Kommission verfällt nicht nur in das Standardlamento zu langer Studienzeiten, die natürlich nicht unerwähnt bleiben. Sie kritisiert ebenfalls die unzureichende finanzielle Ausstattung der Universitäten und hinsichtlich des Studiums eine unzureichende Betreuung der Studierenden. Umstritten dürfte dagegen die Feststellung sein, dass die Hochschulen "am gesellschaftlichen Bedarf vorbei" ausbilden. Letzterer ist nur schwer zu messen. 

Das Ziel der Vereinfachung des Systems der Studienabschlüsse durch die flächendeckende Einführung des Bachelor-/Masterstudiensystems und die Abschaffung der bisherigen Diplom- und Magisterabschlüsse ist sicherlich nachdenkenswert. Auch aus Sicht der Studierenden spricht dagegen - trotz bisheriger Proteste - nichts, solange das Masterstudium für alle offen und gebührenfrei bleibt. Zu den weiteren Zielen gehören die Verbesserung der Betreuung der Studierenden, die Erhöhung der Absolventenquote, die Reduzierung der organisatorischeren Vielfalt von Fachbereichen und kleinen Universitäten zu einigen wenigen Sektionen (z.B. für Ingenieurswissenschaften, Naturwissenschaften, Wirtschaft und Politik), die Ausrichtung der Forschungsschwerpunkte an den Wirtschaftsschwerpunkten der Stadt Hamburg, die Steigerung der Internationalität und die Reform des Systems der akademischen Selbstverwaltung. All diese Ziele werden im großen und ganzen auf Zustimmung stoßen.

Comeback der Planwirtschaft

Das eigentlich erstaunliche am Bericht der Kommission ist, dass die Planwirtschaft fröhliche Urständ feiert. Die Kommission berechnet für das Jahr 2012 den gesellschaftlichen Bedarf an Absolventen in den einzelnen Studienfachrichtungen und gibt zur Deckung dieses Bedarfs für 2012 zu erfüllende "Studienerfolgsquoten", sprich Absolventenzahlen, vor. Immerhin bekennt sich die Kommission zur Unsicherheit derartiger Prognosen, nimmt jedoch trotzdem für sich in Anspruch, den Großteil der Empfehlungen auf Grundlage dieser Prognosen stellen zu können. Doch die Planungsmentalität schlägt auch in weiteren Punkten durch. So schlägt die Kommission vor, Professoren nach ihrem "individuellen Forschungspotenzial" mit mehr oder weniger Lehrverpflichtung zu belasten. Das bürokratische Verfahren, in dem dieses festgesetzt wird, ohne dass es noch mehr intraprofessorale Grabenkämpfe als bisher gibt, ist schwer vorstellbar. Ins Visier genommen hat die Kommission auch die Vielfalt an Studienmöglichkeiten in Hamburg und empfiehlt die Vermeidung von "Doppelangeboten" wie z.B. Bauingenieurwesen an der "Hochschule für angewandte Wissenschaften" (HAW) und Architektur an der "Hochschule für bildende Künste" (HfbK). Doch warum sollte es keinen Wettbewerb zwischen verwandten Studiengängen geben, den die Studierenden mit ihrer Nachfrage nach bestimmten Ausrichtungen lenken? Sehr weitgehend ist schließlich die Kritik an der bestehenden Forschungslandschaft Hamburgs. Hier bemängelt die Kommission "eine Aufsplitterung in viele und teilweise kleine Forschungsthemen", an deren Stelle eine Forschungsschwerpunktplanung treten soll, die sich daran ausrichtet, was für Hamburg relevant ist. Durch planerische Akte soll also künftig bestimmt werden, was wissenschaftlich relevant ist und was geforscht werden darf! Angesichts der grundgesetzlich verankerten Freiheit von Forschung und Lehre ist dieser Punkt sehr kritisch zu betrachten.

Rückkehr zum Universalgelehrten

Ein Herzstück der Reformvorschläge ist schließlich die Zusammenführung der über alle Hamburger Hochschulen verstreuten Studiengänge, Institute und Fächer in mehrere große "Sektionen". Das Ziel, die organisatorische Zersplitterung in kleinste Entscheidungseinheiten zu reformieren, um so die Reaktionsfähigkeit der universitären Selbstverwaltung zu erhöhen, ist zweifelsohne begrüßenswert. Allerdings schlägt die Kommission vor, im Rahmen dieser nur noch zehn bis elf Sektionen das Studium bis zum Bachelorabschluß weitgehend zu harmonisieren. So wird für die Sektion "Geistes-, Kultur- und Sprachwissenschaften" vorgeschlagen, ein "geistes- und kulturwissenschaftliches Studium generale" und ein sprachwissenschaftliches Angebot zu machen. Die wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Studiengänge sollen sogar zu einem einzigen gemeinsamen Grundstudium zusammengeführt werden. Auch wenn die immer spezifiziertere Ausdifferenzierung von Studiengängen in einigen Punkten kritikwürdig ist, so dreht die Kommission das Rad mit diesem Vorschlag zu weit zurück. Der klassische Universalgelehrte mit nur wenig eigenem Profil als Absolvent des Bachelorstudiums ist noch weniger gefragt als der völlig einseitig ausgerichtete Spezialist. Das an der Universität vermittelte Fachwissen ist sicher nicht das entscheidende Kriterium für das spätere Berufsleben. Die Nivellierung des vermittelten Fachwissens auf einem gemeinsamen Studiengang suggeriert jedoch, dass es ein objektiv feststellbares "Grundwissen" gäbe und Spezialwissen nur eine Nebenrolle spielt. Zudem verhindert diese Reduzierung auf wenige grundständige Studiengänge eine individuelle Profilbildung bei den Studierenden und bremst so den Wettbewerb zwischen den jungen Akademikern.

Umgekehrte Generationengerechtigkeit

Der Bericht der Dohnanyi-Kommission richtet sich primär auf die Schaffung einer modernen und leistungsstarken Hochschulstruktur im Jahr 2012 aus. Eine konsequente Umsetzung der Kommissionsempfehlungen lässt deutlich verbesserte Studienmöglichkeiten in den dann noch existierenden Studienfächern ab 2012 erwarten. In den zehn Jahren bis dahin werden jedoch noch rund 60.000 Studierende ein Studium in Hamburg absolvieren. Dies entspricht in etwa zwei kompletten "Studentengenerationen". Diese werden in der Übergangsphase bis zur gelungenen Umsetzung des Berichtes jedoch mit einer teilweise noch schlechteren Studiensituation, als sie heute vorzufinden ist, konfrontiert. Dieser gewaltige Reformprozess wird große Kapazitäten auf Seite der Lehrenden binden, die damit zum Teil noch weniger Aufmerksamkeit für die jetzigen Studierenden haben werden. Die Teilweise komplette Neustrukturierung von Studiengängen und -fächern wird zu einer großen Verunsicherung über die Gültigkeit und Anforderungen von Prüfungsordnungen führen. Die Abwicklung einzelnern Fächer wird zu einer mangelnden Investitionsbereitschaft in neue Fachliteratur führen, Lehrende und Studierende werden demotiviert. Der empfohlene Einstellungsstopp für die Wiederbesetzung offener Stellen schließlich ist zwar verständlich, um eine Neuausrichtung nicht zu behindern. Es ist jedoch nicht zu rechtfertigen, dass für eine Verbesserung künftiger Hochschulausbildung die Qualifizierung der aktuellen Akademikergeneration geopfert wird.

Tod den Sozialwissenschaften

Den radikalsten Schnitt setzt die Kommission bei den Sozialwissenschaften an. Die organisatorische Zusammenlegung mit den Wirtschaftswissenschaften und der bislang eigenständigen "Hochschule für Wirtschaft und Politik" (HWP) ist im Rahmen der geplanten Sektionsbildungen konsequent und durchaus bedenkenswert. Es ist jedoch erstaunlich, dass für die künftige "Sektion für Wirtschaft und Politik" keine differenzierten Studiengänge empfohlen werden. Vielmehr steht der Vorschlag für "ein gemeinsames Grundstudium" im Raum. Die Politikwissenschaft und die Soziologie werden mit diesem Schritt zu Hilfswissenschaften für die wirtschaftliche Forschung degradiert. Eigenständiges Leistungspotential wird beiden Fächern abgesprochen. Konsequenterweise schlägt die Kommission als ernstzunehmende Option sogar die komplette Abschaffung der Soziologie vor. Deutlicher kann die Unterordnung der Gesellschaftswissenschaften unter die Wirtschaftswissenschaften nicht werden. Selbst aus einer marktorientierten Sicht erscheint dieser Schritt jedoch unüberlegt: der Beitrag der Soziologie zu Fragen wie Betriebs- und Organisationsstruktur oder zur Markt- und Meinungsforschung - um nur einige zu nennen - wird hier völlig ignoriert. Doch auch aus genereller Sicht ist für eine Metropole wie Hamburg der Verzicht auf Soziologie fragwürdig. Die umfangreichen Probleme einer modernen Großstadt wie Drogenproblematik oder Kriminalität können nicht allein den vorgesehenen Absolventen der "Professional School für Soziale Arbeit" überlassen werden. Denn praktische Sozialarbeit ist erst die konsequente Fortsetzung soziologischer Erkenntnis.

Innovationen für Wirtschaft und Gesellschaft

Der Bericht der Dohnanyikommission ist insgesamt erfreulich radikal und eröffnet den Hamburger Universitäten große Möglichkeiten. Beim Ziel, die Hamburger Hochschulen wettbewerbsfähig zu machen, droht bei einer konsequenten Umsetzung der Kommissionsempfehlungen jedoch die Ausschaltung eines inneruniversitären Wettbewerbs und eines Wettbewerbs zwischen den Studierenden. Die Ausrichtung allein an den vom Hamburger Senat vorgesehenen künftigen Wirtschaftsschwerpunkten Hamburgs - das Modell "Wachsende Stadt" - ist jedoch zu einseitig. Es fehlt die Ausrichtung am Modell einer "lebendigen und lebenswerten Stadt", das auch gesellschaftliche und kulturelle Erwartungen abdeckt. Nur so können die Hamburger Hochschulen aber, wie von der Kommission gewünscht, "neue gesellschaftliche Entwicklungen in der Wissenschaft aufgreifen und hierüber Impulse für Innovationen in Wissenschaft und Gesellschaft geben".

Autoren:  

Dipl.-Pol. Michael Gwosdz, wiss. Mitarbeiter HAUS RISSEN, Tel. (040) 81 907-49, gwosdz@hausrissen.org 
Dipl.-Soz. Frank Leptien, Direktionsassisstent HAUS RISSEN, Tel. (040) 81 907-13, leptien@hausrissen.org

Pressekontakt:  

Dipl. Soz. Hana Robejsek, Public Relations HAUS RISSEN
HAUS RISSEN, Internationales Institut für Politik und Wirtschaft
Rissener Landstraße 193-197, 22559 Hamburg
Telefon:  040 / 81 907 40 * Fax: 040 / 81 907
59


[zur Druckversion]